Open Source in der öffentlichen Verwaltung

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Die Stadt Göppingen setzt auf Open Source

Die Stadt Göppingen setzt auf Open Source

Viele unserer Kunden kommen aus dem öffentlichen Bereich: die Bundespolizei, der Landkreis Fulda und die Stadtwerke Gießen sind nur einige Beispiele dafür, dass staatliche oder kommunale Einrichtungen zunehmend Open Source-Software einsetzen.
Die Stadt Göppingen gehört zwar (noch 🙂 ) nicht dazu, aber Herbert Rettberg von der dortigen IT ist ein engagierter Verfechter offener Technologien. Ich habe mich deshalb mit ihm über Open Source in der öffentlichen Verwaltung unterhalten.

Herbert, in der Privatwirtschaft spielt Open Source schon etliche Jahre eine Rolle. Wann hat Open Source begonnen, in der öffentlichen Verwaltung Fuß zu fassen?
In meinem Bereich begann Open Source etwa 2000 eine Rolle zu spielen. Über Gremien wie Ideenmarkt kam es immer wieder zu Diskussionen um den Einsatz von Open Source meist mit dem Hinweis auf die freie Verfügbarkeit und die vermeintlich geringen Kosten. Im Fokus stand zunächst der Einsatz von Open Office. Es bestand über lange Zeit auch eine Arbeitsgruppe am Rechenzentrum Stuttgart, die sich mit dem Einsatz von Open Source bei Behörden beschäftigt hat. Teilnehmer waren IT-Leiter aus den Städten und Gemeinden um Stuttgart, wo ich ebenfalls dabei war.

Für welche Einsatzszenarien ist Open Source in der öffentlichen Verwaltung prädestiniert?
Offene Technologien werden hauptsächlich im Bereich Linux-Server sämtlicher Couleur für die unterschiedlichsten Zwecke eingesetzt. Auch wir tun dies, u.a. bei

  • Fileserver
  • Webserver z.B. für lokales Intranet, aber auch kommunaler Sitzungsdienst wie xammp
  • Mailserver als Ersatz für MS-Exchange, z.B. Zarafa
  • MySQL-Datenbanken
  • Postgres-Datenbanken (bei uns für die allgemeine Schulverwaltung)
  • Software für Schulen (bei uns ist das die Musterlösung PaedML des Kultusministeriums)
  • Proxyserver für die Internet-Zugriffskontrolle
  • Firewalls (z.B. Fortigate vom Rechenzentrum KDRS Stuttgart)
  • Voicemail-Maschinen zum Abbilden von Anrufbeantwortern
Setzt auf Open Source: Herbert Rettberg von der Stadt Göppingen

Herbert Rettberg

Was sind die zentralen Gründe für Open Source? Ähneln sie den Entscheidungsgründen in der Privatwirtschaft?
Die Entscheidungsgründe sind meistens fälschlicherweise die kostenlose Verfügbarkeit. Ich muss regelmäßig dem Oberbürgermeister Rede und Antwort stehen, um klarzustellen, dass auch andere Argumente zu Tragen kommen müssen als nur der Kostenaspekt. Für mich steht die Zuverlässigkeit der Software an erster Stelle, weil ich einen Linux Proxy Server in einer halben Stunde aufgesetzt habe und ihn die nächsten zehn Jahre nicht wieder anlangen muss.

Wie unterscheiden sich Open Source-Projekte in der öffentlichen Verwaltung von denen in der Privatwirtschaft?
Ich glaube nicht, dass es da grundlegende Unterschiede gibt. Allerdings ist der Ausschreibungs- und Vergabeprozess stark verschieden: Damit man nicht selbst Opfer der Rechnungsprüfung wird, muss man schon fast Vergaberecht studieren. Die Ausschreibungen sind so kompliziert, dass Bieter dadurch oft abgeschreckt werden. Außerdem benötigt man mittlerweile die Unterstützung von professionellen Planern, um keine Fehler zu machen.

Wie wichtig ist bei Behörden die Betreuung eines Open-Source-Projekts durch einen kompetenten Dienstleister?
Ich würde nie ein Projekt ohne professionelle Unterstützung anfangen, es sei denn, es geht um Dinge, die ich selbst leisten und supporten kann. Größere Projekte wie beispielsweise der Ersatz von Exchange durch Zarafa werden ohne professionelle Unterstützung nie funktionieren. Wir sichern uns diesbezüglich durch Wartungsverträge ab. Das kostet, wird aber akzeptiert und zeigt, dass Open Source eben nicht kostenlos ist.

Was zeichnet den richtigen Dienstleister aus? Was muss er mitbringen?
Der ideale Dienstleister kommt aus der Region und hat kompetentes Personal. Er kann Entscheider überzeugen, ist zeitlich flexibel und hat viel Geduld.

Wie hoch ist bei euch der Verbreitungsgrad von Open Source – und wie entwickelt er sich weiter?
Ich schätze, dass knapp 30 % der bei uns (in der Verwaltung und in 25 Schulen ) eingesetzten Software aus Open Source-Quellen stammt. Bei der Weiterentwicklung gehe ich nach der Prämisse vor, zu machen was machbar ist, aber nichts zu erzwingen (wie in München).

Wo plant ihr, in Zukunft offene Technologien einzusetzen?
Bei uns steht die Einführung eines Dokumentenmanagementsystems an, aber auch Monitoring Services und eine Software-Verteilung haben wir auf der Agenda.

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